Montag, 20. November 2017
Geschlossenheit/Offenheit
http://www.focus.de/politik/deutschland/jamaika-aus-im-news-ticker-spd-will-keine-grosse-koalition-und-fordert-neuwahlen_id_7871774.html

"Es habe nie eine geschlossene Idee aller Verhandlungspartner für ein Jamaika-Bündnis gegeben."

– wozu ist denn eine "geschlossene" Idee nötig? Ist das nicht auch wieder so eine politische Phantasterei? (Wie so viel in der Politik...)

Und wieso heißt diese Idee nicht einfach "Deutschland", "gemeinsame Politik", "Einsatz für die Menschen", "für uns und unsere Nachbarn" ...

Politische Ideolog(i)en wollen immer an den falschen Stellen schlau sein. Oder so.


Entweder der Fokus ist hier überhaupt nicht zitierfähig oder Politiker sind wirklich von Grund auf dumm.

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Montag, 30. Oktober 2017
Nietzsche & Moral – Wo Nietzsche gefährlich wird

Unten ein paar Nietzsche-Zitate. Die ersten zwei betonen den Aspekt der persönlichen Beziehung eines Individuums zur Moral. (Entsprechende Stellen sind fett hervorgehoben.) Nietzsche möchte offenbar das Individuum stärken und es ermuntern, sich seine eigene Moral zu bilden.

Ich halte dies für eine wertvolle Anregung und es ist in einem weiteren Sinne auch nur die Anwendung eines Standardthemas für alle Philosophen: Sie alle möchten zu einem tieferen und gründlicheren Nachdenken anregen. Aber an einem Punkt schießt Nietzsche für mich über das Ziel hinaus. Nämlich dort, wo er das "Gute an sich" als bloßes Hirngespinst darstellt (siehe 2. Zitat). Die Art und Weise, wie er es ausführt, scheint zwar insgesamt stimmig. Er überzeugt mich, wenn er die Frage stellt: "Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen?" – Aber den Begriff vom "Guten an sich", den lasse ich mir deshalb noch nicht kaputt machen. Und dies halte ich für sehr wichtig. Ich spüre, dass meine seelische Gesundheit davon abhänigig ist, an "das Gute" zu glauben, das "objektiv" ist. Das weder von mir, noch einem anderen, noch von irgendwelchen Zielsetzungen abhänigig ist. All das, was ich im moralischen Sinne "gut" nenne, ist in meinem Glauben zu ca. 90% objektiv. Ich bin offen dafür, dass ich mich vielleicht in einigen Dingen täusche, und ich habe es auch nicht nötig, meine Normen für alle Welt verbindlich zu erklären. Aber es ist eben auch mein persönliches Verhältnis zur Moral, dass ich hier an eine gewisse Objektivität der Werte glaube. Siehe z.B. auch die "Goldene Regel": Behandle andere, wie Du selbst behandelt werden willst. Die Wahrheit über "das Gute" ist letztlich sogar ein bißchen langweilig. Im Großen und Ganzen stimmen die etablierten Anschauungen. "Liebe", Opferbereitschaft, Verzichten, Teilen, Mitgefühl, das Denken an andere (Menschen wie Tiere) – all das sind gute Hinweise. Natürlich betreibt der Mensch mit seinem komplizierten Ego auch häufig Mißbrauch und Selbsttäuschungen um diese Begriffe, aber das ändert nichts an der prinzipiellen Richtigkeit dieser Denkrichtung.

Ich versuche immernoch, Stellen bei Nietzsche zu entdecken, in denen er offen für dieses Denken ist, aber ich habe sie bisher nur mit viel gutem Willen in einigen Nebensätzen und Adjektiven als Andeutungen "gefunden" – im Grunde zu wenig, um es ihm wirklich zuzurechnen. Stattdessen findet man zwar eine allgemeine Wertschätzung der Moral, aber nur in einem sehr technisch funktionalen und psychologischen Sinne. Sie scheint für ihn nur Mittel zum Zweck zu sein. Er nennt sie z.B. "Medizin". Er sieht sie eigentlich immer im Kontext von Evolution. Er sieht sie wohl überhaupt nur in irgendeinem Kontext, also wenn es irgend ein "hohes Ziel" gibt. Das "an sich" gibt es für ihn in der Moral nicht. Das "Gute" als Selbstzweck, als höhere Form von Schönheit, kennt er nicht – also, darf man folgern?: er kennt "das Gute" überhaupt nicht?

Nichtsdestotrotz ist sein Scharfsinn beeindruckend. Innerhalb seines "beschränkten" Moralverständnisses ist er ein Meister psychologischer Analyse und immernoch eine Inspiration. Siehe Zitate 3 und 4.


1)

Nietzsche, Friedrich, Morgenröte, Zweites Buch, 107. Unser Anrecht auf unsere Torheit

Und wenn die Vernunft der Menschheit so außerordentlich langsam wächst, daß man dieses Wachstum für den ganzen Gang der Menschheit oft geleugnet hat: was trägt mehr die Schuld daran als diese feierliche Anwesenheit, ja Allgegenwart moralischer Befehle, welche der individuellen Frage nach dem Wozu? und dem Wie? gar nicht gestattet, laut zu werden? Sind wir nicht darauf hin erzogen, gerade dann pathetisch zu fühlen und uns ins Dunkle zu flüchten, wenn der Verstand so klar und kalt wie möglich blicken sollte! Nämlich bei allen höheren und wichtigeren Angelegenheiten.

2)

Nietzsche, Friedrich, Der Antichrist, 11

Ein Wort noch gegen Kant als Moralist. Eine Tugend muß unsre Erfindung sein, unsre persönlichste Notwehr und Notdurft: in jedem andern Sinne ist sie bloß eine Gefahr. Was nicht unser Leben bedingt, schadet ihm: eine Tugend bloß aus einem Respekts-Gefühle vor dem Begriff »Tugend«, wie Kant es wollte, ist schädlich. Die »Tugend«, die »Pflicht«, das »Gute an sich«, das Gute mit dem Charakter der Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit – Hirngespinste, in denen sich der Niedergang, die letzte Entkräftigung des Lebens, das Königsberger Chinesentum ausdrückt. Das Umgekehrte wird von den tiefsten Erhaltungs- und Wachstumsgesetzen geboten: daß jeder sich seine Tugend, seinen kategorischen Imperativ erfinde. Ein Volk geht zugrunde, wenn es seine Pflicht mit dem Pflichtbegriff überhaupt verwechselt. Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede »unpersönliche« Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion. – Daß man den kategorischen Imperativ Kants nicht als lebensgefährlich empfunden hat!... Der Theologen-Instinkt allein nahm ihn in Schutz! – Eine Handlung, zu der der Instinkt des Lebens zwingt, hat in der Lust ihren Beweis, eine rechte Handlung zu sein: und jener Nihilist mit christlich-dogmatischen Eingeweiden verstand die Lust als Einwand... Was zerstört schneller, als ohne innere Notwendigkeit, ohne eine tief persönliche Wahl, ohne Lust arbeiten, denken, fühlen? als Automat der »Pflicht«? Es ist geradezu das Rezept zur décadence, selbst zum Idiotismus... Kant wurde Idiot. – Und das war der Zeitgenosse Goethes! Dies Verhängnis von Spinne galt als der deutsche Philosoph – gilt es noch!... Ich hüte mich zu sagen, was ich von den Deutschen denke...

3)

Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Fünftes Buch. Wir Furchtlosen, 345. Moral als Problem

… oder daß sie umgekehrt, nachdem ihnen die Wahrheit aufgegangen ist, daß bei verschiedenen Völkern die moralischen Schätzungen notwendig verschieden sind, einen Schluß auf Unverbindlichkeit aller Moral machen: was beides gleich große Kindereien sind. Der Fehler der Feineren unter ihnen ist, daß sie die vielleicht törichten Meinungen eines Volks über seine Moral oder der Menschen über alle menschliche Moral aufdecken und kritisieren, also über deren Herkunft, religiöse Sanktion, den Aberglauben des freien Willens und dergleichen, und ebendamit vermeinen, diese Moral selbst kritisiert zu haben. Aber der Wert einer Vorschrift »du sollst« ist noch gründlich verschieden und unabhängig von solcherlei Meinungen über dieselbe und von dem Unkraut des Irrtums, mit dem sie vielleicht überwachsen ist: so gewiß der Wert eines Medikaments für den Kranken noch vollkommen unabhängig davon ist, ob der Kranke wissenschaftlich oder wie ein altes Weib über Medizin denkt. Eine Moral könnte selbst aus einem Irrtume gewachsen sein: auch mit dieser Einsicht wäre das Problem ihres Wertes noch nicht einmal berührt. – Niemand also hat bisher den Wert jener berühmtesten aller Medizinen, genannt Moral, geprüft: wozu zuallererst gehört, daß man ihn einmal – in Frage stellt. Wohlan! Dies eben ist unser Werk. –

4)

Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und Böse, Fünftes Hauptstück. Zur Naturgeschichte der Moral, 188

Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen die »Natur«, auch gegen die »Vernunft«: das ist aber noch kein Einwand gegen sie, man müßte denn selbst schon wieder von irgendeiner Moral aus dekretieren, daß alle Art Tyrannei und Unvernunft unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist, daß sie ein langer Zwang ist: um den Stoizismus oder Port-Royal oder das Puritanertum zu verstehn, mag man sich des Zwangs erinnern, unter dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Freiheit gebracht – des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wieviel Not haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! – einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt – »um einer Torheit willen«, wie utilitarische Tölpel sagen, welche sich damit klug dünken, – »aus Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze«, wie die Anarchisten sagen, die sich damit »frei«, selbst freigeistisch wähnen. Der wunderliche Tatbestand ist aber, daß alles, was es von Freiheit, Feinheit, Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden gibt oder gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden und Überreden, in den Künsten ebenso wie in den Sittlichkeiten, sich erst vermöge der »Tyrannei solcher Willkür-Gesetze« entwickelt hat; und allen Ernstes, die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, daß gerade dies »Natur« und »natürlich« sei – und nicht jenes laisser aller! Jeder Künstler weiß, wie fern vom Gefühl des Sich-gehen-lassens sein »natürlichster« Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den Augenblicken der »Inspiration« – und wie streng und fein er gerade da tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulierung durch Begriffe gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Vielfaches, Vieldeutiges –). Das Wesentliche, »im Himmel und auf Erden«, wie es scheint, ist, nochmals gesagt, daß lange und in einer Richtung gehorcht werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit – irgend etwas Verklärendes, Raffiniertes, Tolles und Göttliches. Die lange Unfreiheit des Geistes, der mißtrauische Zwang in der Mitteilbarkeit der Gedanken, die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb einer kirchlichen und höfischen Richtschnur oder unter aristotelischen Voraussetzungen zu denken, der lange geistige Wille, alles, was geschieht, nach einem christlichen Schema auszulegen und den christlichen Gott noch in jedem Zufalle wiederzuentdecken und zu rechtfertigen – all dies Gewaltsame, Willkürliche, Harte, Schauerliche, Widervernünftige hat sich als das Mittel herausgestellt, durch welches dem europäischen Geiste seine Stärke, seine rücksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezüchtet wurde: zugegeben, daß dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist erdrückt, erstickt und verdorben werden mußte (denn hier wie überall zeigt sich »die Natur«, wie sie ist, in ihrer ganzen verschwenderischen und gleichgültigen Großartigkeit, welche empört, aber vornehm ist). …

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Mittwoch, 25. Oktober 2017
(Eine) Veränderung

Ab sofort heißt der Blog nicht mehr "Reflektion meiner rechten Gesinnung", sondern "Grenzreflektionen – Grenzen und Grenzwertiges".

Der alte Titel klang mir auf die Dauer doch zu sehr nach Festgelegtheit. Und Festgelegtheit ist das, was ich bei Denkern grundsätzlich verachte.

Ich will zugeben, dass ich hier offenbar auch einem "sozialen Druck" nachgebe. Zumindest in meiner Einbildung: "Mein Kopf ist in anderen Köpfen, und dieser wieder in anderen Köpfen…" Am Ende glaube ich einfach, dass die Interpretation, ich will hier "rechte Propaganda" machen, zu leicht gefördert wird, wenn ich bei meinem alten Blogtitel bleibe. Hinzu kommt die Überlegung, dass dem einen oder anderen das Kommentieren hier wahrscheinlich leichter fällt, wenn der Titel neutraler gehalten ist.

Ich kann in dieser Angelegenheit zur Zeit nicht klar unterscheiden, zwischen einem freiwilligen Hineinversetzen in andere Köpfe und einem unfreiwilligen "Verklebt-Sein" mit anderen Köpfen, also einem Nachgeben aus Schwäche und mangelnder geistiger Eigenständigkeit. Aber was soll's. Dann bin ich eben mal "schwach" und gebe nach. Anfangs habe ich den originalen Blogtitel mit einer gewissen Leichtigkeit tragen können. Dass dem nicht mehr so ist, liegt vielleicht auch einfach am Modus des Bloggens. Jedes Mal springt einen der Titel von Neuem an, wenn man hier liest oder schreibt.

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Montag, 9. Oktober 2017
Wir Künstler!

Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, 59. Wir Künstler!

Wir Künstler! – Wenn wir ein Weib lieben, so haben wir leicht einen Haß auf die Natur, aller der widerlichen Natürlichkeiten gedenkend, denen jedes Weib ausgesetzt ist; gerne denken wir überhaupt daran vorbei, aber wenn einmal unsere Seele diese Dinge streift, so zuckt sie ungeduldig und blickt, wie gesagt, verächtlich nach der Natur hin – wir sind beleidigt, die Natur scheint in unsern Besitz einzugreifen, und mit den ungeweihtesten Händen. Da macht man die Ohren zu gegen alle Physiologie und dekretiert für sich insgeheim: »ich will davon, daß der Mensch noch etwas anderes ist, außer Seele und Form, nichts hören!« »Der Mensch unter der Haut« ist allen Liebenden ein Greuel und Ungedanke, eine Gottes- und Liebeslästerung. – Nun, so wie jetzt noch der Liebende empfindet, in Hinsicht der Natur und Natürlichkeit, so empfand ehedem jeder Verehrer Gottes und seiner »heiligen Allmacht«: bei allem, was von der Natur gesagt wurde, durch Astronomen, Geologen, Physiologen, Ärzte, sah er einen Eingriff in seinen köstlichsten Besitz und folglich einen Angriff – und noch dazu eine Schamlosigkeit des Angreifenden! Das »Naturgesetz« klang ihm schon wie eine Verleumdung Gottes; im Grunde hätte er gar zu gern alle Mechanik auf moralische Willens- und Willkürakte zurückgeführt gesehn: aber weil ihm niemand diesen Dienst erweisen konnte, so verhehlte er sich die Natur und Mechanik, so gut er konnte, und lebte im Traume. Oh diese Menschen von ehedem haben verstanden zu träumen und hatten nicht erst nötig, einzuschlafen! – und auch wir Menschen von heute verstehen es noch viel zu gut, mit allem unserem guten Willen zum Wachsein und zum Tage! Es genügt zu lieben, zu hassen, zu begehren, überhaupt zu empfinden – sofort kommt der Geist und die Kraft des Traumes über uns, und wir steigen offnen Auges und kalt gegen alle Gefahr auf den gefährlichsten Wegen empor, hinauf auf die Dächer und Türme der Phantasterei, und ohne allen Schwindel, wie geboren zum Klettern – wir Nachtwandler des Tages! Wir Künstler! Wir Verhehler der Natürlichkeit! Wir Mond- und Gottsüchtigen! Wir totenstillen, unermüdlichen Wanderer, auf Höhen, die wir nicht als Höhen sehen, sondern als unsere Ebenen, als unsere Sicherheiten!

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Samstag, 7. Oktober 2017
Seele und Form (1)

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An die Realisten

Nietzsche, Friedrich, Die fröhliche Wissenschaft, Zweites Buch, 57. An die Realisten

An die Realisten. – Ihr nüchternen Menschen, die ihr euch gegen Leidenschaft und Phantasterei gewappnet fühlt und gerne einen Stolz und einen Zierat aus eurer Leere machen möchtet, ihr nennt euch Realisten und deutet an, so wie euch die Welt erscheine, so sei sie wirklich beschaffen: vor euch allein stehe die Wirklichkeit entschleiert, und ihr selber wäret vielleicht der beste Teil davon – oh ihr geliebten Bilder von Sais! Aber seid ihr nicht auch in eurem entschleiertsten Zustande noch höchst leidenschaftliche und dunkle Wesen, verglichen mit den Fischen, und immer noch einem verliebten Künstler allzu ähnlich? – und was ist für einen verliebten Künstler »Wirklichkeit«! Immer noch tragt ihr die Schätzungen der Dinge mit euch herum, welche in den Leidenschaften und Verliebtheiten früherer Jahrhunderte ihren Ursprung haben! Immer noch ist eurer Nüchternheit eine geheime und unvertilgbare Trunkenheit einverleibt! Eure Liebe zur »Wirklichkeit« zum Beispiel – oh das ist eine alte, uralte »Liebe«! In jeder Empfindung, in jedem Sinneseindruck ist ein Stück dieser alten Liebe: und ebenso hat irgendeine Phantasterei, ein Vorurteil, eine Unvernunft, eine Unwissenheit, eine Furcht und was sonst noch alles! daran gearbeitet und gewebt. Da jener Berg! Da jene Wolke! Was ist denn daran »wirklich«? Zieht einmal das Phantasma und die ganze menschliche Zutat davon ab, ihr Nüchternen! Ja, wenn ihr das könntet! Wenn ihr eure Herkunft, Vergangenheit, Vorschule vergessen könntet – eure gesamte Menschheit und Tierheit! Es gibt für uns keine »Wirklichkeit« – und auch für euch nicht, ihr Nüchternen –, wir sind einander lange nicht so fremd, als ihr meint, und vielleicht ist unser guter Wille, über die Trunkenheit hinauszukommen, ebenso achtbar als euer Glaube, der Trunkenheit überhaupt unfähig zu sein.

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O sancta simplicitas

Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und Böse, Zweites Hauptstück. Der freie Geist, 24

O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wußten wir unsern Sinnen einen Freipaß für alles Oberflächliche, unserm Denken eine göttliche Begierde nach mutwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu geben! – wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu genießen! Und erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern – als seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen gibt; mag ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen »Fleisch und Blut« gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, zurechtgedichteten, zurechtgefälschten Welt festhalten will, wie sie unfreiwillig-willig den Irrtum liebt, weil sie, die Lebendige – das Leben liebt!

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Donnerstag, 5. Oktober 2017
Sushi-Rassismus

"Wirklichkeit" als eine seltsame Kombination von Oberfläche und mehr…

Wenn ich zwischen zwei qualitativ gleichwertigen Sushi-Restaurants wählen kann, und Restaurant A beschäftigt überwiegend japanische oder typisch japanisch aussehende Servicekräfte, Restaurant B aber nicht – dann entscheide ich mich in der Regel für Restaurant A. Einfach aus Gründen des Genusses. Das Auge isst mit. – Es ist eben nicht ganz unwichtig, was dem Auge geboten wird. – Mein Gemüt erfreut sich an japanischer Kultur, ob nun in Form der Speisen auf meinem Teller, oder in Gestalt eines Menschen, der vor mir steht.

Überhaupt mag ich die Asiaten, denn ich habe sie überwiegend als bescheiden und zurückhaltend in Erinnerung. Oder in sympathischer Weise verrückt.

Könnte das Restaurant mich nicht komplett mit Asiaten bedienen, so wäre es nach meinem Geschmack, wenn sie wenigstens auf "Deutsche", "Türken", "Italiener" etc. verzichten würden. Die habe ich in Berlin nämlich schon genug. Und im Sushi-Restaurant will ich mal eine Abwechlung, mal etwas Fremdes, etwas Neues, etwas Anderes haben.

Ich bin dabei nicht stur, nicht fanatisch fixiert. Ich kann selbstverständlich auch ins Restaurant B gehen, aber in der Regel bevorzuge ich Restaurant A.

Ich bin ja kein stumpfer Rassist. Ich bin ein Feingeist.

Mein Genussempfinden setzt nicht aus, sobald ich ein Restaurant verlasse.

In der gleichen Weise – also auf Basis meines Genussempfindens – sehe ich die anhaltende Vermischung von Völkern mit skeptischem Blick. Ein wildes Potpourri an "Rassen" ist für mich nicht ein so klares Geschmackserlebnis – bzw. ein anderes – wie eine weitgehende "völkische" Homogenität. Gleichzeitig schätze ich es aber auch, wenn eine Bevölkerung nicht allzu streng homogen ist, sondern ein paar bunte Ausreißer in den eigenen Reihen hat.

Ton in Ton mit ein paar bunten Sprenkel ist sozusagen meine Lieblingsfarbe, mein Lieblingsgeschmack.

Ich buche einen Urlaub, nur um die Erfahrung zu machen mit anderen Menschentypen, einem anderen Schlag von Menschen, in Kontakt zu kommen. Die Rasse ist dabei zwar eine untergeordnete Kategorie, aber doch eine, die für mich einen wesentlichen Beitrag am Gesamtgenussempfinden hält.

Das Auge isst mit. Und wenn wir in diesem Zusammenhang über Essen reden, dann dünkt es uns, wir würden hier eine etwas tiefere Wahrheit anschlagen…

Was ist das Verbot von Diskriminierung anderes als ein Verbot von Oberflächlichkeit, ein Verbot von Irrationalität?

Nichts anderes. Genau das. Du sollst: die Wirklichkeit assoziativ richtig erfassen.

Die Frage ist, wie die Menschheit ihre Genüsse priorisiert und moralisch einordnet.

Gibt es gute und böse Genüsse?

Der Mensch als Genussobjekt. Der Mensch als Hassobjekt. Der Mensch als Objekt.

Die Menschheit genießt und hasst sich selbst. Objektisch.

Es braucht für den Rassismus nicht mehr Oberflächlichkeit als für den Genuss an "hübschen" Menschen. Wer den Rassismus verurteilt, kann aus dem gleichen Grund, aus dem er Rassismus verurteilt, auch die Modebranche verurteilen, die eine unerbittliche Selektion von "hübschen" Menschen praktiziert und eine entsprechende Geisteshaltung fördert.

Der allgemeine Schönheitskult diskriminiert nur nicht so platt und offensichtlich wie die historischen Formen des Rassismus. Es gibt keine Regel, die sagt, dass Hässliche im Bus hinten sitzen müssen, so wie es früher in Amerika die "Neger" mussten.

Die oberflächliche Diskriminierung seitens des Schönheitskultes ist trotzdem eklatant in der Masse betrachtet: Hübsche Menschen steigen leichter beruflich auf. Hübsche Menschen werden vor Gericht mit milderen Strafen belegt.

"Lookismus" – Verdient das nicht die gleiche Verachtung wie Rassismus? Wieso gibt es darüber keinen Konsens in der Gesellschaft?

Warum verurteilen wir den Rassismus nochmals? – wegen der Oberflächlichkeit? Weil wir Menschen uns eigentlich der Tiefe zuschreiben wollen?… oder glauben, dass wir es eigentlich tun müssten?…

These: Der Mensch ist als Erscheinung körperlich – doch als Wesen ist er geistig. Wir wollen das glauben… Wir sollen das glauben… Ich empfehle es, das zu glauben! … Es zu leugnen hieße, sich selbst zu leugnen.

Darf man hier Kompromisse machen?

Kompromisse mit der Moral?

Wenn es um Feinheiten geht?

Einen Toleranzbereich für unsere Mindestmoral?

Ein bißchen den Genuss am Menschlich-Objektischen erlauben? Ein bißchen Diskriminierung erlauben? Ein bißchen Oberflächlichkeit?

Ich sage: ja. Und das ist ja genau das, was wir alle seit Geburt an machen.

"typisch menschlich"

Ein paar Puristen, Idealisten sind aber immer willkommen.

Wir lassen uns von Oberfläche mithin sogar regelrecht verzaubern. Bis hin zur Objektophilie.

Was ist Verliebt-Sein anderes als ein Fall von Objektophilie?

Und dieser Rausch der Verzauberung durch Oberfläche ist so beeindruckend, so tiefgehend, dass sogar die Wertung des Werturteils "oberflächlich" überdacht werden kann.

Die Oberfläche reicht tief ins Wesen hinein. Die visuelle Information berührt unsere Seele.

Gibt es vielleicht sogar eine tiefe Korrelation zwischen Oberfläche und Tiefe?

Verraten die Wellen des Meeres manchmal etwas über den Zustand in der Tiefe?

Aber wir wollen es natürlich nicht so weit treiben, dass wir daran glauben, dass die Form der Nase etwas über den Denkstil oder die Gesinnung eines Menschen verrät… Ein böser Gedanke! – den ich weitestgehend für falsch halte. (Glück gehabt…)

Was den Schönheitskult und die natürliche Oberflächlichkeit des Menschen angeht, so gibt es zumindest einen kleinen, schönen Moment von Freiheit darin: Im Prozess des Verliebens wird das Objekt seiner Begierde durch eine mysteriöse, innere Kraft sehr machtvoll verschönert. Da ist viel bewusste Absicht darin.

Schönheit ist eine unschuldige Kraft im Universum – wie das Licht oder die Gravitation.

Vielleicht liegt die Schönheit und der Hang zur Selbst-Verschönerung eher bei den Frauen, weil die Schönheit das i-Tüpfelchen auf der Realität ist. Ein i-Tüpfelchen, das den Genuss noch einmal ungeheuer steigern kann. Der "Finishing Touch", eine Art Weihung und Segnung der Realität / des Objektes.

Damit haben die Frauen den Ursprung des Lebens und den allerletzten Fertigungsschritt, den letzten Feinschliff. Dazwischen liegt die Welt der Männer. – Danke!

Denken wir ein paar schöne Gedanken.

Und auch die häßlichen.

Stellen wir uns unserer eigenen Hässlichkeit.

Ich bin abgeschweift.

Ich merke, dass mir der Rassismus nicht soo wichtig ist…

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Freitag, 29. September 2017
"Kleine Räume"
Hier ein kurzer Ausschnitt (1min:33s) aus der Talkshow "Maischberger" vom 27.9.2017:

https://youtu.be/P_GHylat2KE

Klaus von Dohnanyi : "Wir haben da ein riesiges Problem, das viel tiefer geht, als unsere Debatte hier bisher gegangen ist."

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Montag, 11. September 2017
Ungarn, EuGH
Viel Lärm um wenig – EuGH urteilt zur angeblichen Zwangsquote für die Flüchtlingsumverteilung - BC European Lawyers | XING





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Donnerstag, 31. August 2017
"nicht identifizierbare deutsche Kultur"

Frau Özoguz hat Recht. Zumindest hat sie sehr viel Recht. Deutsche Kultur ist schwer zu identifizieren. – Denn Kultur ist grundsätzlich sehr schwer zu "identifizieren".

Man versuche mal, mit Sprache seine Lieblingsmusik zu beschreiben. Oder seinen Lieblings-Orange-Ton, der irgendwo zwischen Hellorange und Dunkelorange liegt. Oder die Form einer Wolke. Oder auch nur sein äußeres Erscheinungsbild. Man wird hier mittels Sprache die Realtät immer nur ankratzen können. Darüber hinaus wird man kläglich scheitern. Aber das heißt nicht notwendigerweise, dass seine Lieblingsmusik, sein Lieblingsorange, eine spezifische Wolke oder das eigene Erscheinungsbild nicht existieren...

Dewegen rate ich auch grundsätzlich davon ab, zuviel über deutsche (oder sonstige) Kultur zu reden. Das ist wie eine Falle, in die man tappt, und die man sich auch selbst verfangen kann. Und es stimmt: Sehr oft gerät man dann in lächerliche Fahrwasser, in denen man stumpfsinnig auf Klischees beharrt. Man kann höchstens ein paar Schlaglichter heraus greifen und darf es auch mit diesen nicht zu ernst nehmen. Mehr gibt Sprache nicht her. Dafür ist die Sache zu komplex, zu graduell, zu subtil, und mit weichen Grenzen (was uns leicht dazu verfühen kann, eine Sache ganz zu leugnen).

Wer dazu aufgefordert wird, mal ein paar deutsche Eigenschaften aufzuzählen, der weise die Aufforderung zurück und fordere im Gegenzug dazu auf, mehr durch die Welt zu reisen.

Zu welchem Schluss kommt nun ein Mensch, der viel durch die Welt gereist ist? (Außer jetzt mal wieder Nietzsche, wenn er die größte Gemeinsamkeit aller Menschen heraus hebt...)

Ich weiß es nicht, denn ich bin leider noch nicht so viel gereist. (Möchte mir jemand die ein oder andere Reise spendieren? Vielleicht heilt mich das von meiner rechten Gesinnung?...)

Bezüglich "Kultur" habe ich die gleiche Einstellung wie zu der Frage nach einem "lebendigen Wir": Es geht hier nicht nur darum, passiv zu fragen, was "objektiv gegeben" ist. Es ist dies auch ein Feld, auf dem man Realität machen kann, auf dem man nach Möglichkeiten Ausschau halten sollte. Die Frage ist, wie "wir" sein wollen.

Die bisher sich gebildeten Klischees vom "Deutschen" als ordnungsliebend, als Dichter und Denker, als tiefgründig, halte ich in diesem Sinne für gute Anknüpfungspunkte. – Sie sind zumindest nach meinem Geschmack.

Das neue Image der Deutschen erscheint mir dagegen das Resultat einer Degeneration: Man verbindet uns im Ausland teilweise einfach mit "Party, Party, Party". (Ich glaube, das liegt daran, dass an Schulen zu wenig Philosophie gelesen wird...)

Ich habe von deutschen Auswanderern gehört, die nach Deutschland zurück gekehrt sind, weil sie es vermissten, auch mal ein tiefgründiges Gespräch zu führen. (Mir ist das im Manchester durchaus gelungen – aber da war ich ja auch Gast in einer buddhistischen Kommune...)


Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche, 323. Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen

Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen. – Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Kulturstufen und zum geringsten Teile etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentieren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Kultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: »was ist jetzt deutsch?« – und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpunkte an das Ägyptertum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.


Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche, 324. Ausländereien

Ausländereien. – Ein Ausländer, der in Deutschland reiste, mißfiel und gefiel durch einige Behauptungen, je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Alle Schwaben, die Geist haben, – pflegte er zu sagen – sind kokett. – Die anderen Schwaben aber meinten noch immer Uhland sei ein Dichter und Goethe unmoralisch gewesen. – Das Beste an den deutschen Romanen, welche jetzt berühmt würden, sei, daß man sie nicht zu lesen brauche: man kenne sie schon. – Der Berliner erscheine gutmütiger als der Süddeutsche, denn er sei allzusehr spottlustig und vertrage deshalb Spott: was Süddeutschen nicht begegne. – Der Geist der Deutschen werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten: er empfehle ihnen Tee und Pamphlete, zur Kur natürlich. – Man sehe sich, so riet er, doch die verschiedenen Völker des altgewordenen Europa daraufhin an, wie ein jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für die, welche vor dieser großen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge und Liebenswürdige des Alters, die Engländer das Erfahrene und Zurückhaltende, die Italiener das Unschuldige und Unbefangene mit Glück vertreten. Sollten denn die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmütige Alte? Wo der herrschsüchtige Alte? Wo der habsüchtige Alte? – Die gefährlichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe es mehr geistige Rührigkeit und Menschenkenntnis, nebst Freigeisterei, und alles sei so bescheiden durch die häßliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung versteckt, daß man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu tun zu haben. – Der Hochmut der Norddeutschen werde durch ihren Hang, zugehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang, sichs bequem zu machen, in Schranken gehalten. – Es schiene ihm, daß die deutschen Männer in ihren Frauen ungeschickte, aber sehr von sich überzeugte Hausfrauen hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, daß sie fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens deutschen Hausfrauen-Tugend überzeugt hätten. – Wenn sich dann das Gespräch auf Deutschlands Politik nach außen und innen wendete, so pflegte er zu erzählen – er nannte es: verraten –, daß Deutschlands größter Staatsmann nicht an große Staatsmänner glaube. – Die Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich: denn sie hätten verlernt, sich zu freuen (was die Italiener so gut verstünden), aber sich durch das große Hazardspiel von Kriegen und dynastischen Revolutionen an die Emotion gewöhnt, folglich würden sie eines Tages die Emeute haben. Denn dies sei die stärkste Emotion, welche ein Volk sich verschaffen könne. – Der deutsche Sozialist sei eben deshalb am gefährlichsten, weil ihn keine bestimmte Not treibe; sein Leiden sei, nicht zu wissen, was er wolle, so werde er, wenn er auch viel erreiche, doch noch im Genusse vor Begierde verschmachten, ganz wie Faust, aber vermutlich wie ein sehr pöbelhafter Faust. »Den Faust-Teufel nämlich,« rief er zuletzt, »von dem die gebildeten Deutschen so geplagt wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer als je vorher!«

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Volksverhetzung

"Volksverhetzung" gehört für mich, genauso wie "Fremdenfeindlichkeit" oder einfach "Hetze", zu den eher fragwürdigen Wortschöpfungen.

Ich bemerke jedenfalls, dass mein natürliches Sprachgefühl hier Bedeutungsbilder kreiert, die zum Teil signifikant von den "offiziellen" Versionen abweichen. Die politische Sprache ist für mich seltsam verzerrt. (Selbst ganz elementare Worte, wie z.B. "Hass", werden in ganz eigener Manier angewandt.)

So denke ich bei "Hetze" und "Volksverhetzung" eher an einen Mob, der mit Mistgabeln und Fackeln durchs Dorf zieht – aber eher nicht an einen Herr Gauland, der Frau Ösoguz in Anatolien "entsorgen" will...

Ich finde zwar auch, dass Herr Gauland sich hier definitiv nicht mit Ehre bekleckert, aber aus einer Aussage bezüglich eines einzelnen Menschen den Vorwurf einer Volksverhetzung zu konstruieren, ist schon – kreativ?

Man stelle dem mal gegenüber, was schonmal nicht als Volksverhetzung gegolten hat: Deutsche als Köterrasse zu bezeichnen. (Siehe auch: jungefreiheit.de)

Es mutet auch doch ein bißchen wie Willkür an, wie das Recht in dem ein oder anderen Fall ausgelegt wird. Das eine Mal regiert Hypersensibilität, das andere Mal stoische Ruhe.

Was Herr Gauland betrifft, so möge man wenigstens nach einem geeigneten Paragraphen suchen, wenn man ihn denn unbedingt ran kriegen will. "Volksverhetzung" halte ich für albern.


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Dienstag, 29. August 2017
F*** Dich selbst, Matthias Heine

Da ist er wieder: Einer dieser Momente, in denen ich mich frage, ob die Welt verrückt ist, oder ob ich es bin. Und ich bin ziemlich sicher, dass es doch eher die Welt ist. Oder nicht die ganze Welt. Nur ein Teil davon – unter ihnen auch viele "Journalisten"...

Da bringt die Welt (Autor: Matthias Heine) doch in der Tat einen eigenen Artikel zu der Frage heraus, ob "entsorgen" ein Nazi-Wort sei...

welt.de: Ist Gaulands 'entsorgen' wirklich ein Naziwort?

Was kann man hierzu noch sagen?

Nur so viel: Das Wort "Wortschatz" gehört zu den schönsten Schöpfungen der deutschen Sprache. – Weil es ein Wort voller Wahrheit ist. Worte sind Schätze. Wer das nicht versteht, ist ein Dummkopf. Wer ein Wort verbieten oder verdrängen will, der ist in der Pflicht für gleichwertigen Ersatz zu sorgen. Und wenn dies nicht gelingt, muss von jeglichen Verdrängungsabsichten Abstand genommen werden. Worte sind so elementar für den Menschen, dass es auch egal sein muss, von wem oder was sie her stammen. Sie sind Ausdruckswerkzeuge. Nicht mehr und nicht weniger! Und wie begrenzt ist der menschliche Ausdruck doch so oder so schon! Wie sehr ringt man häufig mit der Sprache, um genau "ins Schwarze" zu treffen.

Man verbietet oder schmäht Worte ebenso wenig wie man dem Maler seine Farben verbietet.

Das ist für mich eben auch eine moralische Norm. Und hier bin ich Moralist von schlimmster Sorte: D.h. ich will Dir ganz bewusst und berechnend ein schlechtes Gewissen machen, wenn Du nicht nach meiner Norm handelst. Du bist für mich ein "böser Mensch", wenn Du anders handelst. Einen, den ich auf den Mond schießen will – wenn ich gnädig bin: normalerweise droht Dir Schlimmeres.

Und so kriege ich die Krätze, wenn ich nur jemanden die Frage stellen höre, ob dieses oder jenes Wort ein "Naziwort" ist. Ich habe obigen Artikel noch nichtmal gelesen. Ich habe aber mir Schrecken wahrgenommen, dass der Artikel dort sogar in der Rubrik "Kultur" gelistet ist.

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Sonntag, 27. August 2017
Zur Wichtigkeit von Wahlen

Hat es je der Satz "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!" in Ihr Gehirn geschafft?

In einem Maße, dass Sie sich innerlich der Verpflichtung verschrieben haben, einen Pfennig auch immer aufzuheben, wenn Sie einen auf der Straße liegen sehen?

In einem Maße, dass Sie sogar ein schlechtes Gewissen befallen kann, wenn Sie es einmal nicht tun?

Wenn ja, dann gehören Sie vermutlich zur Mehrheit in unserer Gesellschaft. Oder auch nicht, vielleicht leben ja gar nicht so viele unter der Herrschaft dieses Leitgedanken. Aber in jedem Fall gehören Sie zu der Mehrheit in unserer Gesellschaft, die irgendwie total anfällig ist für – unbegründeten, ungeprüften Scheiß jeder Art.

(Zugegeben: Das meiste davon saugen wir schon als Kinder auf. Insofern ist uns nicht alle Schuld zuzurechnen. – Aber die Vernunftfilter, die wir uns als Erwachsene aufgebaut haben, sind häufig auch sehr mangelhaft.)

Der Wert eines Cents lässt sich ungefähr auf eine Kugel Eis alle 120 Cents festlegen. Wer 120x am Tag einen Cent findet, kann sich dann ein Eis kaufen. Ein Cent ist 1/120 Eis wert.

Welche objektiven Gründe gibt es also zu sagen "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert"?

Es bleiben in jedem Fall nur "prinzipielle Gründe". Aber sind diese Prinzipien auch genau geprüft? Und sind es wirklich die unseren? Und welchen Grund gibt es wirklich für den Schluss von: "Du achtet diese paar Cent nicht" zu: "Du achtest Geld insgesamt nicht!"?

Und geht es nicht auch ganz allgemein etwas sachlicher, freier? Ohne eine starre Regel, die nur ein ganz bestimmtes Verhalten als zulässige Form der Wertschätzung anerkennt? Mit Raum für die persönliche Eigenart eines jeden?

Der eine drückt seine Wertschätzung auf die eine Weise aus, der andere auf eine andere...

...

Eine Stimme hat bei 30 Millionen Stimmenabgaben ein Gewicht von 1/30 000 000. Das entspricht einem Prozentwert von 0,000003333 %. Man braucht 300 000 Einzelstimmen, um einen Prozentpunkt Unterschied auszumachen.

...

Ich war schonmal nicht wählen, genauso wie ich mich schonmal nicht für ein paar Cents gebückt habe. Die Gründe waren jeweils die gleichen: Ich war gerade in Eile.

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