Mittwoch, 8. April 2020
Esoterische Interpretation der Corona-Krise
Nach vielen enttäuschenden Momenten in der Vergangenheit, nach vielen ausgebliebenen Weltuntergängen und vielen ausgebliebenen Heilsversprechungen, könnte diese Corona-Krise nun endlich der Auftakt für einen großen, spirituellen Wandel in der Welt sein:

1. Die Krise entschleunigt. Sie blockiert auch zuverlässig alles Halligalli-Party-Wesen in der Welt.
2. Die Krise zwingt ein wenig zur Einsamkeit und Fokussierung auf sich selbst, während man die Verbundenheit zu seinen Mitmenschen mehr im Geist pflegen muss.

Und das sind nunmal exzellente Maßnahmen, um den Pfad zur wahren Spiritualität zu ebnen.
Darüber hinaus tut uns diese Krise vielleicht den Gefallen, die missratenen Ideologien der glaubensverrückten Religionen abzutragen. Denn sie demonstriert zuverlässig, wie machtlos all die Glaubensschwätzer in ihren komischen Kostümen sind. Mögen Ostern doch bitte die Kirchen zu Staub verfallen und der "Glaube" grundlegend reformiert werden!

Auch macht uns die Krise kreativ. Dass Not erfinderisch macht, ist wohl die Volksweisheit mit dem höchsten Wahrheitsgehalt weltweit.
Aus "rechter Perspektive" fällt noch angenehm auf, dass wir vor Augen geführt bekommen, dass wir diese Turbo-Globalisierung nicht brauchen und dass die totale Vernetztheit aller Lebenszonen auf diesem Planeten auch ihre Nachteile hat. Der Planet ist nichts, das man wie ein Produkt konsumiert, sondern er ist eine heilige Welt voller heiliger Subwelten, die alle ihren ganz eigenen, besonderen Wert haben und deren graduelle Isolation zueinander durchaus ihren Sinn hat.

Dass der liebe Gott für all diese Erkenntise jetzt so viel Menschen sterben lässt – ja, da zeigt er sich mal wieder wenig zimperlich. Beschwerden richten Sie bitte trotzdem weiterhin hartnäckig an seine Adresse. Er freut sich auch über solche Eingaben.

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Freitag, 20. März 2020
Sterbehilfe in der Natur
Ein Fernseh-Interview mit dem Betreiber eines Gnadenhofes für Tiere hielt eine wesentliche Erkenntnis für mich bereit: Den "natürlichen Tod" gibt es in der Natur eigentlich gar nicht. Zumindest nicht, wenn wir menschliche Maßstäbe an die todbringende "natürliche Ursache" legen. An einer "natürlichen Ursache" zu sterben, heißt in der Natur eben oft: Von einem fleischfressenden Tier erlegt zu werden. Gerade die Alten und Schwachen werden eben als Erste zu Opfern. Oder auch die ganz Jungen. Aber an Alterschwäche sterben in der freien Natur nur wenige.

So gehörte es dann auch zur "Menschlichkeit" des Gnadenhof-Betreibers, dass er den Tieren, denen er noch ein paar Lebensjahre geschenkt hatte, irgendwann den Gnadenschuss gab. Er konnte es einfach nicht mit ansehen, wie die alte Kuh, von Krankheiten und Schmerzen heimgesucht, nur noch eine leidvolle Existenz lebte.

Vielleicht ist das ja auch der tiefere Sinn, warum der liebe Gott Raubtiere und das Prinzip "Fressen und Gefressen-Werden" in die Welt getragen hat. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Vielleicht ist das ja auch der tiefere Sinn von todbringenden Krankheiten und (Corona-)Viren.

Ich glaube, dass ein Grippe- oder Grippe-ähnlicher Tod nicht der schlechteste ist. Vor allem starkes Fieber erscheint mir wie eine relativ milde Überleitung ins Jenseits. Meine letzten, richtig starken Fieber-Erfahrungen sind zwar schon über 20 Jahre her, aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich diese Zustände immer sehr interessant fand. Es waren Grenzerfahrungen, in denen ich mich immer auch ein bißchen wohl fühlte; sehr in meinem "Geist" beheimatet.

Trotzdem hätte ich nichts dagegen, jetzt nochmal verschont zu werden.

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Samstag, 22. Februar 2020
Die elementare Strukturierung der Welt
Ich glaube an einen fließenden Übergang zwischen Kuchen und Pudding.

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Mittwoch, 9. Januar 2019
"Kann ein kluger Mensch rechts sein?"
Der Spiegel stellt allen Ernstes einen Artikel ins Netz, der eben diese Frage im Titel trägt.

Dass er nur in der "Plus"-Ausgabe hinter einer Paywall steckt, muss uns ganz sicher nicht stören. Wir Klugen können uns die Frage selbst beantworten. Wir machen unsere Hausaufgaben und fragen zuerst nach guten Definitionen für die Worte "klug" und "rechts".

Was solche Mikro-Signale in Form einer hinterhältigen, tendenziösen und gleichzeitig doch offensichtlich dummen Frage in der Gesellschaft bewirken; das weiß ich allerdings nicht genau. Das große Problem ist ja gar nicht so sehr ein allgemeiner Mangel an Intelligenz. Sondern ein Mangel an geistiger Selbständigkeit, ein Mangel an Mut und persönlicher Emanzipiertheit, d.h. auch ein Mangel an Aufklärung und Rationalität ("Habe Mut Dich Deines Verstandes zu bedienen."). Da kann man wahrscheinlich damit rechnen, dass eine solche Suggestivfrage ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Dressur des Pawlow'schen Hundes, die bis zu einem gewissen Grad in uns allen steckt, wird aufrecht erhalten.

Der menschliche Mainstream hat eine ungeheure Lust am Diffusen und diffus Wertenden.
Und was die Linksintellektuellen betrifft; sie scheinen gar süchtig nach diesem Spiel mit "Rechts" zu sein. Und sie haben ja im Grunde gewonnen. "Rechts" ist die große Sammelbezeichnung für alles Böse, Schlechte und Rückschrittliche im Politischen geworden. Und gleichzeitig mutet es irgendwie süß an, wie sie sich der Frage "Kann ein kluger Mensch rechts sein?" wirklich stellen. Aber Achtung, die Frage kann auch gefährlich werden. Denken überhaupt ist ja gefährlich. Vielleicht ist sogar etwas an dieser These dran?: "Um auf anständige Weise 'rechts' zu sein, muss man gar überdurchschnittlich intelligent sein."

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Montag, 8. Oktober 2018
Vertrauen in Wahrheit – Vertrauen in den Menschen…
Lasst sie (die Wahrheit) und die Falschheit miteinander ringen; wer hat je erkannt, dass die Wahrheit den Kürzeren gezogen hat in einem freien und offenen Kampf?

John Milton, 1664

gefunden bei Jochen Bittner (twitter)

 

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Donnerstag, 23. August 2018
Vogelschiss Menschheit
Wer sich für das Universum interessiert, der kann alles relativieren.

Sogar das Licht erscheint relativ lahm.

Dabei bin ich gar nicht "nihilistisch" oder sonstwie destruktiv drauf. Im Gegenteil, ich finde es großartig. Mein "Glauben" wird dadurch geweitet, gestärkt.

(Und ja, man kann sogar Hitler einen Vogelschiss nennen und damit irgendwie Recht haben.)


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Samstag, 27. Januar 2018
Reflektion meiner rechten Gesinnung (2)

Meine Liebe ist begrenzt.

 

"Linke" – und alle anderen – messe ich vor allem an einem Kriterium: Wie oft haben sie eine Münze für einen Obdachlosen? (In Berlin gibt es dazu täglich mehrmals Gelegenheit.) Wer nicht öfter mal sein Portmonnaie herausholt, kann mir gestohlen bleiben. Und er sollte sich auch nicht "links" nennen, finde ich.

Ich versuche, öfter etwas zu geben. Nationalität oder Rasse des Obdachlosen interessiert mich dabei übrigens nicht die Bohne. Außer ich habe den Eindruck, ich gerate an eine "professionelle Bettlergruppe". Hier gibt es eine schwache Korrelation in meinem Bewusstsein zu Sinti und Roma. Aber es ist im Grunde nicht die Volkszugehörigkeit, sondern mein im Einzelfall aufkommender Verdacht, dass sich hier ein Mensch mehr oder weniger bewusst für einen Lebensweg entschieden hat, bei dem er auf jede höhere Entwicklung seiner Persönlichkeit verzichtet (was ich grundsätzlich übel nehme). Diese Sorte Obdachlose strahlt nicht primär Elend aus, sondern sogar eine gewisse diebische Selbstzufriedenheit, irgend eine Form von falscher Genügsamkeit. Man hat sich im Primitiven eingerichtet. (Es ist nicht die Genügsamkeit eines buddhistischen Bettelmönchs, die mit geistiger Strenge, Disziplin und Höhe gepaart ist.)

 

ist begrenzt… Hier ist sie: die Grenze! Die Grenze, auf die es letztlich ankommt!

Oder nicht?

Ich verstehe nicht, warum alle Leute (die "Linken") so sehr auf die Überwindung "nationaler Grenzen" fixiert sind. Die nationalen Grenzen sind doch nur ein Formenspiel auf der großen Leinwand menschlicher Existenz. (Ein Formenspiel, das möglicherweise tiefer im menschlichen Bewusstsein verankert ist, als Linke es wahrhaben wollen.) Die Grundkrankheit der begrenzten Liebe wird jedenfalls nicht oder nur sehr eingeschränkt dadurch behoben, dass man die nationalen Grenzen aufhebt. Bereits jetzt kann unsere Liebe ganz widerstandslos über nationale Grenzen hinweg geschickt werden. Man braucht nur seine PIN- und TAN-Nummern griffbereit und kann loslegen.

Ein Jörg Meuthen von der AfD hat übrigens vier Patenkinder in Afrika: http://www.taz.de/!5281073/

 

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Samstag, 7. Oktober 2017
O sancta simplicitas

Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und Böse, Zweites Hauptstück. Der freie Geist, 24

O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich erst einmal die Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wußten wir unsern Sinnen einen Freipaß für alles Oberflächliche, unserm Denken eine göttliche Begierde nach mutwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen zu geben! – wie haben wir es von Anfang an verstanden, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu genießen! Und erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern – als seine Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen gibt; mag ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche jetzt zu unserm unüberwindlichen »Fleisch und Blut« gehört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und lachen darüber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, zurechtgedichteten, zurechtgefälschten Welt festhalten will, wie sie unfreiwillig-willig den Irrtum liebt, weil sie, die Lebendige – das Leben liebt!

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Donnerstag, 31. August 2017
"nicht identifizierbare deutsche Kultur"

Frau Özoguz hat Recht. Zumindest hat sie sehr viel Recht. Deutsche Kultur ist schwer zu identifizieren. – Denn Kultur ist grundsätzlich sehr schwer zu "identifizieren".

Man versuche mal, mit Sprache seine Lieblingsmusik zu beschreiben. Oder seinen Lieblings-Orange-Ton, der irgendwo zwischen Hellorange und Dunkelorange liegt. Oder die Form einer Wolke. Oder auch nur sein äußeres Erscheinungsbild. Man wird hier mittels Sprache die Realtät immer nur ankratzen können. Darüber hinaus wird man kläglich scheitern. Aber das heißt nicht notwendigerweise, dass seine Lieblingsmusik, sein Lieblingsorange, eine spezifische Wolke oder das eigene Erscheinungsbild nicht existieren...

Dewegen rate ich auch grundsätzlich davon ab, zuviel über deutsche (oder sonstige) Kultur zu reden. Das ist wie eine Falle, in die man tappt, und die man sich auch selbst verfangen kann. Und es stimmt: Sehr oft gerät man dann in lächerliche Fahrwasser, in denen man stumpfsinnig auf Klischees beharrt. Man kann höchstens ein paar Schlaglichter heraus greifen und darf es auch mit diesen nicht zu ernst nehmen. Mehr gibt Sprache nicht her. Dafür ist die Sache zu komplex, zu graduell, zu subtil, und mit weichen Grenzen (was uns leicht dazu verfühen kann, eine Sache ganz zu leugnen).

Wer dazu aufgefordert wird, mal ein paar deutsche Eigenschaften aufzuzählen, der weise die Aufforderung zurück und fordere im Gegenzug dazu auf, mehr durch die Welt zu reisen.

Zu welchem Schluss kommt nun ein Mensch, der viel durch die Welt gereist ist? (Außer jetzt mal wieder Nietzsche, wenn er die größte Gemeinsamkeit aller Menschen heraus hebt...)

Ich weiß es nicht, denn ich bin leider noch nicht so viel gereist. (Möchte mir jemand die ein oder andere Reise spendieren? Vielleicht heilt mich das von meiner rechten Gesinnung?...)

Bezüglich "Kultur" habe ich die gleiche Einstellung wie zu der Frage nach einem "lebendigen Wir": Es geht hier nicht nur darum, passiv zu fragen, was "objektiv gegeben" ist. Es ist dies auch ein Feld, auf dem man Realität machen kann, auf dem man nach Möglichkeiten Ausschau halten sollte. Die Frage ist, wie "wir" sein wollen.

Die bisher sich gebildeten Klischees vom "Deutschen" als ordnungsliebend, als Dichter und Denker, als tiefgründig, halte ich in diesem Sinne für gute Anknüpfungspunkte. – Sie sind zumindest nach meinem Geschmack.

Das neue Image der Deutschen erscheint mir dagegen das Resultat einer Degeneration: Man verbindet uns im Ausland teilweise einfach mit "Party, Party, Party". (Ich glaube, das liegt daran, dass an Schulen zu wenig Philosophie gelesen wird...)

Ich habe von deutschen Auswanderern gehört, die nach Deutschland zurück gekehrt sind, weil sie es vermissten, auch mal ein tiefgründiges Gespräch zu führen. (Mir ist das im Manchester durchaus gelungen – aber da war ich ja auch Gast in einer buddhistischen Kommune...)


Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche, 323. Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen

Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen. – Das, worin man die nationalen Unterschiede findet, ist viel mehr, als man bis jetzt eingesehen hat, nur der Unterschied verschiedener Kulturstufen und zum geringsten Teile etwas Bleibendes (und auch dies nicht in einem strengen Sinne). Deshalb ist alles Argumentieren aus dem National-Charakter so wenig verpflichtend für den, welcher an der Umschaffung der Überzeugungen, das heißt an der Kultur arbeitet. Erwägt man zum Beispiel, was alles schon deutsch gewesen ist, so wird man die theoretische Frage: was ist deutsch? sofort durch die Gegenfrage verbessern: »was ist jetzt deutsch?« – und jeder gute Deutsche wird sie praktisch, gerade durch Überwindung seiner deutschen Eigenschaften, lösen. Wenn nämlich ein Volk vorwärts geht und wächst, so sprengt es jedesmal den Gürtel, der ihm bis dahin sein nationales Ansehen gab; bleibt es stehen, verkümmert es, so schließt sich ein neuer Gürtel um seine Seele; die immer härter werdende Kruste baut gleichsam ein Gefängnis herum, dessen Mauern immer wachsen. Hat ein Volk also sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, daß es versteinern will und ganz und gar Monument werden möchte: wie es von einem bestimmten Zeitpunkte an das Ägyptertum war. Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.


Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Erste Abteilung: Vermischte Meinungen und Sprüche, 324. Ausländereien

Ausländereien. – Ein Ausländer, der in Deutschland reiste, mißfiel und gefiel durch einige Behauptungen, je nach den Gegenden, in denen er sich aufhielt. Alle Schwaben, die Geist haben, – pflegte er zu sagen – sind kokett. – Die anderen Schwaben aber meinten noch immer Uhland sei ein Dichter und Goethe unmoralisch gewesen. – Das Beste an den deutschen Romanen, welche jetzt berühmt würden, sei, daß man sie nicht zu lesen brauche: man kenne sie schon. – Der Berliner erscheine gutmütiger als der Süddeutsche, denn er sei allzusehr spottlustig und vertrage deshalb Spott: was Süddeutschen nicht begegne. – Der Geist der Deutschen werde durch ihr Bier und ihre Zeitungen niedergehalten: er empfehle ihnen Tee und Pamphlete, zur Kur natürlich. – Man sehe sich, so riet er, doch die verschiedenen Völker des altgewordenen Europa daraufhin an, wie ein jedes eine bestimmte Eigenschaft des Alters besonders gut zur Schau trägt, zum Vergnügen für die, welche vor dieser großen Bühne sitzen: wie die Franzosen das Kluge und Liebenswürdige des Alters, die Engländer das Erfahrene und Zurückhaltende, die Italiener das Unschuldige und Unbefangene mit Glück vertreten. Sollten denn die anderen Masken des Alters fehlen? Wo ist der hochmütige Alte? Wo der herrschsüchtige Alte? Wo der habsüchtige Alte? – Die gefährlichste Gegend in Deutschland sei Sachsen und Thüringen: nirgends gäbe es mehr geistige Rührigkeit und Menschenkenntnis, nebst Freigeisterei, und alles sei so bescheiden durch die häßliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung versteckt, daß man kaum merke, hier mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands und seinen Lehrmeistern in Gutem und Schlimmem zu tun zu haben. – Der Hochmut der Norddeutschen werde durch ihren Hang, zugehorchen, der der Süddeutschen durch ihren Hang, sichs bequem zu machen, in Schranken gehalten. – Es schiene ihm, daß die deutschen Männer in ihren Frauen ungeschickte, aber sehr von sich überzeugte Hausfrauen hätten: sie redeten so beharrlich gut von sich, daß sie fast die Welt und jedenfalls ihre Männer von der eigens deutschen Hausfrauen-Tugend überzeugt hätten. – Wenn sich dann das Gespräch auf Deutschlands Politik nach außen und innen wendete, so pflegte er zu erzählen – er nannte es: verraten –, daß Deutschlands größter Staatsmann nicht an große Staatsmänner glaube. – Die Zukunft der Deutschen fand er bedroht und bedrohlich: denn sie hätten verlernt, sich zu freuen (was die Italiener so gut verstünden), aber sich durch das große Hazardspiel von Kriegen und dynastischen Revolutionen an die Emotion gewöhnt, folglich würden sie eines Tages die Emeute haben. Denn dies sei die stärkste Emotion, welche ein Volk sich verschaffen könne. – Der deutsche Sozialist sei eben deshalb am gefährlichsten, weil ihn keine bestimmte Not treibe; sein Leiden sei, nicht zu wissen, was er wolle, so werde er, wenn er auch viel erreiche, doch noch im Genusse vor Begierde verschmachten, ganz wie Faust, aber vermutlich wie ein sehr pöbelhafter Faust. »Den Faust-Teufel nämlich,« rief er zuletzt, »von dem die gebildeten Deutschen so geplagt wurden, hat Bismarck ihnen ausgetrieben: nun ist der Teufel aber in die Säue gefahren und schlimmer als je vorher!«

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Mittwoch, 9. August 2017
Sittlichkeit und Verdummung
Nietzsche, Morgenröte, Erstes Buch, 19. Sittlichkeit und Verdummung:

Sittlichkeit und Verdummung. – Die Sitte repräsentiert die Erfahrungen früherer Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche, – aber das Gefühl für die Sitte (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Indiskutabilität der Sitte. Und damit wirkt dies Gefühl dem entgegen, daß man neue Erfahrungen macht und die Sitten korrigiert: das heißt, die Sittlichkeit wirkt der Entstehung neuer und besserer Sitten entgegen: sie verdummt.


Nietzsche, Morgenröte, Zweites Buch, 107. Unser Anrecht auf unsere Torheit:

... – Und wenn die Vernunft der Menschheit so außerordentlich langsam wächst, daß man dieses Wachstum für den ganzen Gang der Menschheit oft geleugnet hat: was trägt mehr die Schuld daran als diese feierliche Anwesenheit, ja Allgegenwart moralischer Befehle, welche der individuellen Frage nach dem Wozu? und dem Wie? gar nicht gestattet, laut zu werden? Sind wir nicht darauf hin erzogen, gerade dann pathetisch zu fühlen und uns ins Dunkle zu flüchten, wenn der Verstand so klar und kalt wie möglich blicken sollte! Nämlich bei allen höheren und wichtigeren Angelegenheiten.

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