Freitag, 21. Juli 2017
Das Gewissen, der gute Ruf, die Hölle ...
Nietzsche. Morgenröte. Vorrede. Kapitel 3:
Es ist bisher am schlechtesten über Gut und Böse nachgedacht worden: es war dies immer eine zu gefährliche Sache. Das Gewissen, der gute Ruf, die Hölle, unter Umständen selbst die Polizei erlaubten und erlauben keine Unbefangenheit; in Gegenwart der Moral soll eben, wie angesichts jeder Autorität, nicht gedacht, noch weniger geredet werden: hier wird – gehorcht! So lang die Welt steht, war noch keine Autorität willens, sich zum Gegenstand der Kritik nehmen zu lassen; und gar die Moral kritisieren, die Moral als Problem, als problematisch nehmen: wie? war das nicht – ist das nicht – unmoralisch? – Aber die Moral gebietet nicht nur über jede Art von Schreckmitteln, um sich kritische Hände und Folterwerkzeuge vom Leibe zu halten: ihre Sicherheit liegt noch mehr in einer gewissen Kunst der Bezauberung, auf die sie sich versteht, – sie weiß zu »begeistern«. Es gelingt ihr, oft mit einem einzigen Blicke, den kritischen Willen zu lähmen, sogar zu sich hinüberzulocken, ja es gibt Fälle, wo sie ihn gegen sich selbst zu kehren weiß: so daß er sich dann, gleich dem Skorpione, den Stachel in den eignen Leib sticht. Die Moral versteht sich eben von alters her auf jede Teufelei von Überredungskunst: es gibt keinen Redner, auch heute noch, der sie nicht um ihre Hilfe anginge (man höre zum Beispiel selbst unsere Anarchisten reden: wie moralisch reden sie, um zu überreden! Zuletzt heißen sie sich selbst noch gar »die Guten und Gerechten«.) Die Moral hat sich eben von jeher, so lange auf Erden geredet und überredet worden ist, als die größte Meisterin der Verführung bewiesen – und, was uns Philosophen angeht, als die eigentliche Circe der Philosophen.

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Mit Nietzsche-Watchblog? Das könnte unterhaltsam werden. Es wäre was, für das Twitter in seiner tranigen Hektik mittlerweile zu altmodisch ist, und das hier viel besser hinpasst.

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"Tranige Hektik"
nicht schlecht! Ich bin auch mal gespannt, wie das hier weitergeht.

Bei dem Zitat dachte ich: Ja, toll formuliert, aber das ist doch common sense, oder? Sollte jedenfalls common sense sein. So bezirzt von Moral sind die Leute und die Philosophen im 21. Jahrhundert doch nicht mehr, oder?
Vielleicht liegt das Kontroverse ja auch in einigen von mir übersehenen Feinheiten. "Morgenröthe" ist ja, wenn ich mich recht erinnere, der "positivistische" Nietzsche, der kommt mir immer fast zu einleuchtend vor.

Und die Überschrift? Wird da über die rechte Gesinnung im Sinne von richtiger Gesinnung oder im Sinne von rechter und nicht linker Gesinnung sinniert? Die Frage ist mir fast peinlich, stellt sich aber trotzdem aufdringlich. Allerdings ist es auch nicht meine Schuld, dass Nietzsche das eine oder andere Mal zur Begründung von rechten Ideologien aus dem Hut gezaubert wurde, also erhoffe ich Nachsicht.

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"Nietzsche Watchblog" passt leider nicht ganz. Dem "Guten" kann man ja leider nicht mehr auf die Finger schauen. Also eher ein Nietzsche-Rezitationsblog... Davon sollte es dann ruhig ein paar mehr geben! (Und wie praktisch: Nietzsche ist gemeinfrei...)

Hier wird Nietzsche nur gelegentlich zum Einsatz kommen.

Was das hier genau wird, weiß ich übrigens noch nicht. Es ist ein Experiment. Aber ich kann auf jeden Fall schonmal verraten, dass der Titel "Reflektion meiner rechten Gesinnung" in der Tat etwas mit meiner rechten (nicht linken) Gesinnung zu tun hat. Dies schließt nicht aus, dass ich auch "linke" Gesinnungselemente habe, die hier ebenfalls mit reflektiert werden.

Im übrigen habe ich diese ganze Rechts-Links-Kategorisierung eigentlich gründlich satt. Daher ja auch dieser Blog, den ich gewissermaßen aus "Notwehr" schreibe. Was der Mainstream (der Medien) hier zu bieten zu hat, ist für mich einfach nur die pure Stumpfsinnigkeit bzw. Schablonenhaftigkeit. Plus Moralisierung eben.

Da habe ich einfach mal das Bedürfnis, ein Kontra zu setzen...



"So bezirzt von Moral sind die Leute und die Philosophen im 21. Jahrhundert doch nicht mehr, oder?"

Das kann ich nicht nachvollziehen. Man kann zwar grob urteilen, dass man heute im allgemeinen nicht mehr ganz so verklemmt ist wie früher, aber was die "Verklemmung" im politischen Kontext angeht, gerade was typische Rechts-Links-Themen angeht, so sehe ich hier keinerlei Spur von Entspannung. Ich sehe eine mechanistische (Knigge-)Moral am Wirken, die Sachlichkeit, Gründlichkeit, freies Denken und Individualität prinzipiell eher verhindert als fördert. "Links" ist gut, "rechts" ist böse. Und mehr gibt es eigentlich schon nicht zu wissen.

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na denn man tau
Es geht damit los, dass die Bezeichnungen zum Firlefanz geworden sind, nachdem alles diesseits von – sagen wir mal – Göring-Eckhardt-SED (wo ich Pi mal Daumen auch Merkel ansiedle) skandalisiert zu werden versucht als, eben, rechts. Als ob das irgendetwas aussagt außer "ich kann dich nicht leiden, weil du widersprichst, ich folge dem Reflex und gehe mit gebrainwashten Begriffen auf Mann. Seht mich an, ich bin toll."

Wenn ich exakt die politische Position vertrete, die Helmut Schmidt die letzten dreißig Jahre vertreten hat, was bin ich dann, sobald die Keiforgie abgeebbt ist? Genau. Literally Hitler.

Es wird Ihnen kaum gelingen, der Begriffshurerei eine neue Seite abzuluchsen. Schon der öffentliche Gebrauch der Begriffe gibt nichts mehr her, das erwachsener Menschen würdig ist. Wenn Sie einen vernünftigen Menschen treffen, reden Sie vernünftig mit ihm. Mit dem simpel veranlagten Gros, das ideologisch gebunden ist, können Sie ersatzweise wie mit einem Kind reden oder Sie schweigen, schmunzeln und denken sich Ihren Teil. Zeitlose Klassiker sind von oben herab geführte Ansprachen, die als Selbstgespräche ankommen. Das ist zwar fruchtlos und Sie sollten schnell laufen können, aber auf kurze Sicht ist es aufbauend für einen selbst. Na denn man tau.

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Ob das hier irgend etwas fruchtet, ist mir übrigens halbwegs egal. Ich habe jedenfalls nicht den Anspruch, hier Leute zu überzeugen. Eher habe ich den Anspruch, Leute zu provozieren und etwas Mut zu beweisen. Vielleicht sollte ich nicht so ehrlich sein, aber in der Tat ist es so: Ein öffentliches Bekenntnis zu "rechts" kostet mich eine gewisse Portion Mut, was irgendwie total schwachsinnig ist.
Die Provokation führt vielleicht im Nachgang dazu, dass eine handvoll Leute doch etwas weniger schablonenhaft denkt. Allerdings geht es hier nicht wirklich ums Denken, sondern um die emotionalen Schlackestoffe, die ihm im Weg stehen. Das linke Lager ist nämlich genauso angstgestört, wie sie es den Rechten immer unterstellen wollen (z.B. wenn der Vorwurf der "Xenophobie" erhoben wird, oder wenn "Populisten" unterstellt wird, sie würden mit Angstmache Stimmen fangen). Wenn es nicht gar noch viel angstgestörter ist! – Ich habe das Gefühl, dass es bei der derzeitigen Angespanntheit in der Gesellschaft schon vollkommen ausreichend ist, nur das "Bekenntnis" im Titel zu tragen. Ich könnte hier von vorne bis hinten nur Katzencontent einstellen, und alleine aufgrund der Überschrift dieses Blogs wäre ich für viele unten durch, oder zumindest verdächtig.
Und bereits das reicht mir für's erste.

Von Ihrem "Literally Hitler" und Helmut Schmidt können Sie in diesem Blog gerne mehr erzählen.

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(Textkritik)
"Das Gewissen, der gute Ruf, die Hölle, unter Umständen selbst die Polizei..."

Mit Bezug auf diese Aufzählung: Interessant ist der Versuch der Zuordnung in innere und äußere Einflussfaktoren, in eigene und fremde Kräfte. Und fällt hier das "Gewissen" nicht als Schwergewicht unter all den anderen heraus?

Das Gewissen sollte ja eigentlich die Instanz im Menschen sein, aus die der Mensch auch selbst spricht. Gewissermaßen seine eigene Stimme, nur aus tieferen Regionen seinen Wesens kommend.

Allerdings sind wir Menschen in einem sehr weitreichenden Sinn formbar. Welche Werturteile und Forderungen unser Gewissen ausspricht, hängt eben auch von unserer Erziehung und sonstigen prägenden Einflüssen ab. Die Formbarkeit geht so weit, das man die Frage stellen muss, ob überhaupt irgend eine Regung des Gewissens genuin ist, oder ob nicht alles angelernt ist. Dann wäre auch das Gewissen nur ein Gehilfe von äußeren Kräften, die es geschafft haben, sehr weit in uns einzudringen.

Ich behelfe mir vorerst mit einem Glaubensvorschuss: Das Gewissen des Menschen – was immer das denn genau ist! – hat auch eine Verbindung zu unserem "innersten Ich" und wird von diesem gestaltet. Wir sind nicht nur von anderen gemacht. Wir sind nicht nur charakterlose, willenlose Reproduzenten von fremden Gedanken und Werturteilen.

Aber was hilft dies schon. Das Chaos im Menschen ist groß und sein bißchen eigenes Gewissen hilft ihm da nicht viel. Die Selbstverständlichkeit mit der Nietzsche hier die Begriffe "Gewissen" und "guter Ruf" aneinander reiht, entspricht der Motivationslage vieler Menschen, obwohl das eine mit dem anderen gar nicht so viel zu tun haben sollte...

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