Sonntag, 11. November 2018

Verblüffenderweise kam mir vor ein paar Tagen ein Gedanke, von dem ich eigentlich erwartet hätte, dass ich ihn schon längst gehabt habe:

Wäre ich selbst Nachrichtenmacher eines reichweitenstarken Mediums – z.B. der Tagesschau –, so würde ich sehr wahrscheinlich genauso dahin tendieren, die Straftaten von Flüchtlingen eher zu verschweigen.

Ich will es eine Schwäche nennen… Mit dieser Schwäche müsste ich mich auseinandersetzen und sie würde mich ein Stück weit besiegen. Unter ihrem Einfluss würde ich sogar nach den Argumentationsmustern der Linken greifen: "Wieso sich denn überhaupt für die Herkunft von Tätern interessieren? Das ist doch schon im Ansatz ein grundfalsches Denken! Wir sind doch alles nur Menschen!" Vielleicht würde ich sogar so tief sinken, dass ich die hier enthaltene Simplifizierung und Einseitigkeit nicht mehr erkennen würde. Ich – bzw. die Schwäche – würde mich mit Erfolg doof stellen. – Und es geht noch dümmer: Ich würde vielleicht sogar den Sinn für meine extreme Priveligierung und Machkonzentration verlieren, über die ich als Nachrichtenchef verfügte. Ich käme gar nicht mehr auf die Idee, dass die Masse von unzufriedenen Nachrichtenkonsumenten auch mehr und mehr deshalb sauer ist, weil ich alle Macht über die Nachrichtengestaltung besitze und sie praktisch gar keine. Ich würde mir aalglatt einbilden, dass ich der "ungeheuren Verantwortung" eines Nachrichtenmachers schon so gut es geht gerecht werden würde. Diese Unzufriedenen sollen sich mal nicht so haben. Ich regel das Geschäft schon für sie. Ich meine es doch gut und bin ein umsichtiger und weitsichtiger Mensch.

Die eingebildete oder tatsächliche "Last der Verantwortung", die man als Nachrichtenmacher hat, ist der Ausgangspunkt von allem. Wenn man daran glaubt, dass man für die Taten von Idioten indirekt (mit)verantwortlich ist, weil sie die Information "7 Syrer vergewaltigten eine Frau" zu Gewalttaten gegen Migranten angestachelt hat, dann sitzt man sofort in der Zwickmühle und kümmert sich kaum noch um das Informationsrecht der überwiegenden Mehrheit von anständigen Bürgern. Dann dreht sich alles nur noch um die Fragen: "Was passiert, wenn wir dieses oder jenes veröffentlichen? Was könnte schlimmstenfalls passieren? Könnten Menschen dadurch zu Schaden kommen?" – Diese Fragen stellt man sich auch in anderen Kontexten, z.B. bei Suiziden. Eine bestimmte Art von Berichtersstattung, z.B. eine zu detaillreiche und umfangreiche Form mit genauer Darstellung der Suizidentscheidung, kann lebensmüde Menschen zum Nachahmen verführen. Wahrscheinlich auch schon die bloße Erwähung von Suiziden, wenn sie gehäuft auftreten (– und das tun sie eigentlich).

 

Was mich hier ganz grundsätzlich stört, als Philosoph sozusagen, ist dieses Aufeinanderprallen von abstrakter Ebene (Information) und konkreter Ebene (Handlungen), in einer Weise, dass letzteres einschränkend auf ersteres zurückwirkt. Ich will zuerst einmal von einer nahezu absoluten Gedanken- und Informationsfreiheit ausgehen. Das ist wie ein Bedürfnis nach sauberer Luft zum Atmen. Aber dieses Bedürfnis wird sehr früh zur Seite geschoben. Eben aus "Verantwortungsbewusstsein".

Doch sind die Grenzen der Verantwortung hier richtig gezogen? Hat eine jede Handlung, die zu irgendwelchen Folgen führt, immer auch die Verantwortung für diese Folgen, auch wenn diese mehrfach indirekt entstehen und von ganz anderen Menschen ausgeführt wird? Vielleicht sollte man sich hier mal dem Dogma unterwerfen, dass Informationsverbreitung an sich erstmal für gar nichts verantwortlich ist. – Wer weiß schon, welche Gesamtbilanz am Ende positiver ausfallen würde: die heutige, gewöhnliche Art, Nachrichten zu machen, voller Verantwortung, Rücksichtnahmen und Einseitigkeiten, oder diese andere "verantwortungslose" Art, die auf fast nichts Rücksicht nimmt.




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