Freitag, 5. Februar 2021
Der tägliche Streit um "diskriminierende" Worte – Spielregeln?

Wieviel Prozent von beleidigten Negern, Almans, Kanaken, Zigeunern, Kopftuchmädchen, Kümmeltürken und Kartoffeln brauchen wir, sollten wir brauchen, um als Sprachgemeinschaft mit einer Verhaltensänderung zu reagieren?

Wann ist es angemessen zu reagieren? Wann ist es geboten?

Reicht es vielleicht schon, wenn nur 33% aller Neger/Kartoffeln/Kümmeltürken beleidigt sind?

Und wollen wir auch versuchen, die Intensität des Beleidigt- oder Verletzt-Seins zu berücksichtigen?

Allgemeine Verfahrensregeln, die man unabhängig von Rasse oder Herkunft der adressierten Menschengruppe anwendet, wären eine feine Sache. Dass eine Sprachgemeinschaft einen zivilisierten und transparenten Modus findet, um Sprachstandards wirksam zu ändern. Bisher haben wir keinen ordentlichen Entscheidungsmodus. Es gibt nur irgendwelche Interessengruppen, die sich lautstark und scheinbar im Besitz aller moralischen Vollmachten in den Vordergrund spielen. Es gibt jede Menge einzelne Akteure, die ihre Forderungen laut kundtun. Ich weiß leider nur sehr selten, wie repräsentativ diese Akteure sind. Ich würde mir da mehr gesellschaftliche Transparenz wünschen. Hergestellt z.B. durch ein statistisches Bundesamt, das bundesweit detaillierte Umfragen mit betroffenen Menschen durchführt. Dann könnte ich z.B. nachlesen: "30% aller Sinti und Roma lehnen den Begriff Zigeunerschnitzel ab." (Das ist jetzt rein fiktiv; es können in Wirklichkeit mehr oder weniger sein. Ich weiß es nicht.)

Ich würde mir wünschen, dass wir diese Fragen weniger auf der moralischen Ebene verhandeln und mehr auf eine demokratische, kommunikative und empiriegestützte Weise. Als Moralisten sind die meisten heutigen Menschen immer gleich im Kriegszustand. Sie kommen mit absoluten Forderungen und dem unerschütterlichen Glauben, dass sie im Recht sind. Der Fehler beginnt schon an dem Punkt zu glauben, man selbst habe die eine wahre Bedeutungsbelegung eines Wortes. Ausgestattet mit dem "Wissen", dass dieses oder jenes Wort rassistisch oder beleidigend oder ausgrenzend sei, gibt es dann kein Halten mehr.

Aus sprachpsychologischer Sicht aber verhalten sich die Dinge etwas anders: Worte haben keine objektive Bedeutung. Sie haben nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. – Dies ist eine der offensichtlichsten Eigenschaften der Sprache, und doch wird sie ständig übersehen. Oder sie wird verdrängt. Für mich gibt es kaum eine größere Albernheit als zu meinen, dieses oder jenes Wort habe "objektiv" diese oder jene Bedeutung mitsamt irgend einer objektiven Wertung. Zu glauben, dass es nicht anders sein könne. Zu glauben, dass Worte und Wortbedeutungen zwingend irgend einer Logik (der eigenen) unterworfen wären. – Ein Kind könnte das Wort Neger/Alman/Kanake benutzen und es würde es voller Unschuld benutzen.

Kann es vielleicht sein, dass die Menschen sich eine starre Sprache wünschen, weil sie selbst auf starre Weise denken? – Oder dass hier einfach das politische Engagement überschießt? Die Absicht, Gutes zu tun, ist so überschwer, dass man es im Eifer des Gefechts einfach nicht mehr schafft, der Realität Rechnung zu tragen? Das psychologische Bedürfnis zu handeln und etwas zu tun, etwas in der Welt zu bewegen, sich gegen "Rassismus" einzusetzen, ist so groß, dass man sich irgend ein Handeln geben muss. Und da sieht man dann das Feld der Sprache vor sich als ein willkommenes Betätigungsfeld. Und man stürmt los.



Auslöser dieses Beitrags:

Die Talkshow "Die letzte Instanz" und die Reaktionen darauf…



WDR-Sendung kassiert Shitstorm (welt)

Quattromilf (twitter)

Eine Entschuldigung reicht nicht mehr aus (stern)

Nicht über Menschen sprechen, sondern mit ihnen (uebermedien.de)

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