Sonntag, 22. Dezember 2019
Ein Linker mit Multikulti-Zweifeln – und wie er seinen Glauben wiederfindet

Manuel Gogos fängt in seiner Doku über die Identitäre Bewegung und die Neue Rechte interessant an: "Ich will mich versuchsweise einlassen, auf ihr fremdes Denken. – Es ist eine Reise in eine Tabuzone." (Im Vorspann, bis Minute 1:05)

"Großartig!", denke ich mir da zu Anfang. "Endlich mal einer, der es mit einem Perspektiventausch versucht! Einer, der es wagt, eine andere Brille aufzusetzen!" – Später bin ich dann ein bißchen enttäuscht von ihm, weil er das Versprechen nicht eingelöst hat. Es stellt sich am Ende als Pseudo-Nummer heraus. Letztlich aber hält sich die Enttäuschung in Grenzen, denn was kam man heute schon von Mainstream-Journalisten erwarten… ein wirkliches, echtes Einlassen auf rechtes Denken gewiss nicht.

Interessant und erwähnenswert ist das Video aber trotzdem, weil es aus meiner Sicht gut aufzeigt, wie billig berechtigte Zweifel am Multikulti-Projekt vom Tisch gewischt werden.

Der Zweifel von Manuel Gogos beginnt bei Minute 48:35… "Machen wir uns womöglich nur vor, Multikulti sei ein Erfolgsmodell? "

Dann, bei 49:03, holt sich Manuel Gogos den "Experten" Jean-Yves Camus und befragt ihn: "Sind Parallelgesellschaften [wie in einem Vierteil von Paris] nicht tatsächlich der Beweis einer misslungenen Integration?" – Und dann höre ich einfach kein stichhaltiges Argument von diesem Experten, sondern lediglich eine Beschreibung, wie es in den großen Weltstädten aussieht. Überall gäbe es China-Towns und italienische Viertel, etc. Er sagt lediglich, dass genau der Zustand, der bei Manuel Gogos Zweifel hat aufkommen lassen, eben völlig normal sei. Und hier endet die Expertenmeinung auch schon. In der Doku wird das dann so gehandhabt, als hätte er ein stichhaltiges Argument vorgebracht. Später kommt dann noch etwas Gerede, dass es ja so oder so keine gleichbleibende Identität von Völkern gäbe, aber das ist dann wieder das Thema in seiner Allgemeinheit ohne Bezug zu konkreten Mißständen.

Diese Null-Nummer von Argumentation, wenn es um einen ganz konkreten Mißstand geht, ist eigentlich nur lächerlich. Doch leider scheint das Denken vieler Multikulti-Träumer gerade so zu funktionieren. Sofern Zweifel in einem aufkommen, braucht man sich nur einen Experten zu holen, und der redet dann einfach irgend etwas und tut so, als würde er irgend etwas von Substanz zur Sache beitragen. Fertig. Du musst lediglich behaupten, der vermeintliche Mißstand ist normal und überall in der Welt vorzufinden, und schon programmiert sich der M-Träumer in sein Hirn, dass der Mißstand ja gar kein Mißstand sei. Eigentlich ist das unfassbar, mit welchen logischen Zumutungen wir da konfrontiert werden.

Für mich bedeuten die gleichen Worte dieses "Experten" eher, dass das Problem eben doch viel hartnäckiger ist und viel mehr in der Natur des Menschen zu liegen scheint, als wir es gerne wahrhaben wollen. Woher der "Rassimus" nun kommt, ob von den Original-Einheimischen oder von den Eingewanderten – offenbar gibt es Triebe im Menschen, die dafür sorgen, dass die Ethnien letztlich doch viel mehr unter sich bleiben als es der multikulturelle Ansatz eigentlich vorsieht. Für mich ist der Anblick eines China-Towns oder eines Wie-auch-immer-Towns jedes Mal etwas schmerzhaft. Es ist für mich ein Ärgernis, ein Mißstand. Und dieser Mißstand wird nicht dadurch besser, dass man sich klar macht, man finde überall auf der Welt die gleiche Situation vor. Eher im Gegenteil: Das ist ein starkes Argument, um den Multikulti-Traum zu entzaubern. Denn offensichtlich funktioniert hier ja etwas nicht richtig. Wenn sich die Menschen letztlich doch nicht vermischen und letztlich doch lieber unter sich bleiben wollen – wozu dann Multikulti? Dann kann jede Ethnie auch gleich Zuhause bleiben und ihr Unter-Sich-Sein dort ausleben. Das wäre irgendwie "konsequenter".

Dass der Anblick eines China-Towns oder eines Wie-auch-immer-Towns für mich schmerzhaft ist, liegt wohl daran, dass ich "Rassismus" (auch) als eine häßliche Sache empfinden kann. Oder daran, dass ich hier das Scheitern eines eigentlich schönen Gedankens vor Augen geführt bekomme. Woher diese Kleinlichkeit? Woher dieses billige Suchen nach Nestwärme durch Seinesgleichen? Woher diese augenfällige Selbst-Organisation nach dem Prinzip der Selbst-Ähnlichkeit? – Sind wir als Menschen wirklich so oberflächliche Naturen? – Die Antwort scheint zu sein: Ja. Wir Menschen sind so oberflächlich. Wir sind alle miteinander oberflächlich genug, um "Rassismus" zu praktizieren. – Solange das so ist, bleiben meine Zweifel an Multikulti bestehen. Und ich meine gute Gründe zu haben, die relative Trennung der Kulturen durch die Nationalstaaten zu befürworten. Wenngleich: Die Zweifel an Multikulti sind nur Zweifel und noch keine absolute Zurückweisung. Schließlich gibt es ja auch viele Beispiele erfolgreicher, ethnischer Vermischung. – Manuel Gogos, und viele andere Aktivisten, aber haben gar keine Zweifel an Multikulti mehr. Denn sie unterhalten sich mit Experten, die ebenfalls keine Zweifel haben.

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